Teilen 2.0

Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude doppelte Freude. Das Teilen, das wir aus der Welt der Gefühle kennen, hat längst die Welt der Gegenstände erreicht.

Beim Teilen sind der Fantasie heute keine Grenzen mehr gesetzt. Fast alles ist teilbar. Voraussetzung ist, dass einer etwas hat, was ein anderer gegen Geld gerne mitbenutzen würde. Unterm Strich profitieren beide Seiten von dieser Share Economy. Was der SHare-Economy-Begründer, der Harvard-Ökonom Weitzman, ursprünglich nur auf einzelne Unternehmen bezogen hatte, hat die Grenzen seiner Theorie längst gesprengt. Wohnungen, Autos, Klamotten oder Haushaltsgegenstände, alles wird geteilt.

Wer sein Urlaubsgeld nicht für teure Hotels ausgeben will, findet auf Portalen wie Airbnb Menschen, die ihre Wohnung oder ein Zimmer in dieser Wohnung für wenig Geld zur Verfügung stellen. Statt anonymer Übernachtungen gibt es hier Bett und Bekanntschaft, längerfristige Freundschaft nicht ausgeschlossen. Angesichts der ständig verstopften Straßen, der Parkplatznot und der hohen Kosten ist es nicht verwunderlich, dass sich heute nicht mehr jeder ein eigenes Auto leisten kann oder will. Beim geteilten Auto fallen die Kosten für Anschaffung, Versicherung, Reparaturen und Parktickets weg – gezahlt wird lediglich ein geringer Betrag pro gefahrenen Kilometer. In der Kölner Innenstadt sind die Autos von Carsharing-Anbietern fast von überall fußläufig zu erreichen. Das Smartphone verrät, wo das nächste freie Auto steht und übernimmt die Reservierung. Doch nicht immer müssen es vier Räder sein. Überall im Kölner Stadtgebiet, unter anderem auf dem Heumarkt, findet man Fahrräder verschiedener Verleiher. Der Nutzen ist offensichtlich: Besitzt man kein eigenes Rad mehr, kann es auch nicht geklaut werden und teure Reparaturen spart man sich auch. 

Vermutlich den Albtraum vieler Frauen vertreiben Konzepte wie das der “Kleiderei” – den Albtraum, nichts zum Anziehen zu haben. Hinter dem Hamburger Unternehmen versteckt sich nämlich ein unerschöpflicher Kleiderschrank. Per Abo können sich dort die Kundinnen für 26 Euro monatlich bis zu vier Kleidungsstücke auf einmal aussuchen und schicken lassen. Werden weniger Kleidungsstücke ausgewählt, packen die Inhaberinnen Thekla Wilkening und Pola Fendel ein Überraschungspaket. Ist man der Sachen überdrüssig, schickt man sie einfach zurück-und sucht sich neue aus.

Selbst lebendiges wird geteilt. So eröffnete Katzenliebhaberin Sabrina Szabo in Köln das Café Schnurrke, bietet vier Straßenkatzen aus Spanien hier ein neues Zuhause – und ihren Gästen die Möglichkeit, bei Kaffee und Kuchen mit den Tieren zu schmusen.

Warum wir teilen

“Wir denken in Lebensstilen und fragen uns, ob wir etwas besitzen müssen oder es auch leihen können”, sagt Detlef Fetchenhauer, Lehrstuhlinhaber für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität Köln. Durch die Möglichkeiten des Internets könnten die Kosten für den Verleih dabei so gesenkt werden, dass die Angebote für beide Seiten lukrativ sind.

Zur Share Economy gehört aber nicht nur das Teilen gegen Geld; es wird auch auf Teufel komm raus getauscht und geliehen. Stadtführungen gegen einen Kaffee oder ein Smartphone gegen ein Tablet – Portale wie Spotswop machen es möglich, dass Menschen aus ganz Deutschland Gegenstände tauschen können, die sie selbst nicht mehr benötigen. Und wer mal eben eine Backform braucht, klickt sich einfach durch Apps wie Whyownit, wo die herkömmliche Nachbarschaftshilfe digitalisiert und übersichtlich dargestellt wird. Nutzer stellen dort Dinge ein, die sie nicht täglich brauchen oder gerne verleihen.

Dass das Teilen gerade in Deutschland so gut funktioniert, ist für Fetchenhauer kein Wunder: “Ein großer Teil der deutschen Wirtschaft ist in Genossenschaften organisiert und gewachsen, man kennt das von Eltern und Großeltern.

Die Grenzen der Share Economy

Andererseits glaubt der Experte nicht daran, dass das gemeinsame Erwerben und Nutzen von Gegenständen Schule machen wird. Das Abstimmungsbedürfnis zwischen den einzelnen Parteien mache geteiltes Eigentum unflexibel und eigentlich sei das Teilen auch kein genuines Bedürfnis der Menschen. Es würde heute auch nicht weniger konsumiert als früher, nur anders: Man gäbe mehr Geld für Urlaub aus, für technische Geräte wie Smartphones und Tablets. Wenn jemand zwar kein Auto hat, dafür aber jede Menge Flugreisen unternimmt und jedes Jahr ein neues Handy will, macht das den Konsum unterm Strich nicht nachhaltiger.

Professor Fetchenhauer bezweifelt auch, dass die Gesellschaft durch die Share Economy näher zusammenwächst und die Unterschiede geringer werden. Ganz im Gegenteil: Er befürchtet, dass sich dadurch bereits bestehende Ungleichheiten zwischen Nutzer-Milieus weiter verstärken können. “Vor allem junge, gebildete Menschen aus der Mittelschicht, die bereits global erfahren sind und ein gewisses Selbstvertrauen haben, nutzen Share-Angebote.” Der durchschnittliche Deutsche mache immer noch Pauschalurlaub und gerade ältere Menschen könnten sich nicht vorstellen, bei fremden Menschen zu übernachten oder Fremden ihre Tür zu öffnen. “Dass Globalisierungsprofis, die bereits viermal in New York waren, dort eine Unterkunft über Airbnb buchen, ist wahrscheinlicher als dass es Menschen tun, die noch nie dort waren oder die Sprache nicht so gut beherrschen.”

Auch bei den anderen Angeboten ist der Einfluss auf das Zusammenleben fraglich. Vielleicht wird jeder für sich ein bisschen zufriedener, weil es irgendwann weniger Autos geben wird und man nicht mehr stundenlang nach einem Parkplatz suchen muss. Oder weil immer etwas Passendes zum Anziehen da ist. Oder weil sich das Streicheln von Tieren positiv auf das Gemüt auswirkt. “Aber deswegen”, sagt Fetchenhauer, “hören wir noch lange nicht auf, zu konsumieren und uns vor allem um uns zu kümmern.”


Lisa Rossel über die Recherche: “Länder und Kulturen lernt man am besten kennen, wenn man seine Zeit nicht im abgeschotteten Hotelkomplex, sondern mit Einheimischen verbringt. Die Erkenntnis meiner Recherche habe ich mir zu Herzen genommen – und die Wohnung für das kommende Auslandspraktikum bei airbnb gesucht.”

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