Dreieinhalb Stunden lang Nähe

Fotoquelle: © Erik Engelhardt / www.f-amaro.de

Fotoquelle: © Erik Engelhardt / www.f-amaro.de

Mit fremden Leuten schmusen? Und dafür auch noch bezahlen? Janina Schreiber wollte wissen, wie sich das anfühlt. Ein Erlebnis, das unter die Haut ging.

Christoph knetet mit seinen weiß behaarten Händen ein herzförmiges Kissen. „Wäre ich ein Kuscheltier, wäre ich heute ein Feldmäuschen“, sagt der Mittfünfziger. Als das rote Kissen in meinen Händen landet, mache ich mich zum Erdmännchen – neugierig, aber auch ängstlich. Wir sind über vierzig Personen in der Vorstellungsrunde und es ist komisch zu wissen, dass ich einigen davon gleich ziemlich nahe kommen werde: Wir werden kuscheln. Unter Aufsicht. Dreieinhalb Stunden für 17 Euro.

Angemeldet hatte ich mich per Mail. Bis jetzt, hatte ich mir keinerlei Gedanken um mein Gefühl dabei gemacht. Doch nun bin ich aufgeregt. Passend zum gemütlichen Ambiente trage ich einen weiten Pullover und eine bequeme Hose, genau wie Christoph und die anderen. Ein bisschen ist es so wie bei der Turnstunde früher. Aber damals waren alle in meinem Alter. Heute senke ich mit Anfang 20 den restlichen Durchschnitt von knapp 40 deutlich.

Wer küsst, fliegt raus

Der Raum im Veranstaltungszentrum TOR in der Kölner Innenstadt ist groß, die Wände sind weiß gestrichen, überall auf dem Boden liegen rote und orangefarbene Matratzen. Leiterin Silke tritt in die Mitte des Kreises und erklärt die Regeln. Demonstriert, welche Zonen beim Kuscheln nicht angefasst werden dürfen. Sie packt sich an den Busen, fasst sich in den Schritt und an den Po. Sie legt sich bäuchlings auf eine Matratze, reibt ihren Unterkörper an einem Kissen. Wer küsst oder sexuellen Bewegungen macht, fliegt raus, erklärt sie. Wenn wir etwas nicht wollen, sollen wir einfach „nein“ sagen. Silke macht sich an die Arbeit, aus den Boxen kommt Musik und alle tanzen und springen auf der Matratzenlandschaft. Ich mache irgendwie mit, höre auf den Takt, höre Regentropfen an den Fensterscheiben – und weiß, dass es gleich ernst wird. Die Musik hört auf und vor mir steht plötzlich eine Frau, deren Namen ich seit der Vorstellungsrunde schon wieder vergessen habe. Wir sagen beide nichts.

Das Reden übernimmt Silke: Wir sollen fragen, ob wir den Partner, der uns gegenübersteht, berühren dürfen. Ich frage also: “Darf ich dich berühren?” Die Frau gegenüber nickt. Dabei fallen ihre kurzen, blonden Locken ins Gesicht. Eine bleibt an der Schweißperle an ihrer Wange kleben. Ich stelle mich auf die Fußspitzen und streichle ihre Schultern. Sie atmet tief ein und aus, wobei ihre Brille beschlägt. Als ich ihre Arme mit meinen Fingerspitzen betaste, schiebt sie ihre Unterlippe nach vorne und atmet mit einem wohlklingenden Laut aus. Ich werte das als Zustimmung, gehe drei Schritte um sie herum und massiere ihren Rücken. Wieder macht sie das wohlige Geräusch. Ich muss an Turnunterricht denken. Silke stellt die Musik wieder an und die blonde Frau bedankt sich wortlos mit einer kleinen Verbeugung.

Zweite Runde: Erneut tanzen alle und ich stiere krampfhaft auf den Boden, damit ich nicht absichtlich bei jemandem stehen bleibe, wenn die Musik aufhört. Sicher, denke ich mir, verfolgen hier einige Teilnehmer andere Absichten als nur Kuscheln. Von denen war auf der Internetseite keine Rede. Nur von Serotonin und Glücksgefühlen. Als Silke die Stopptaste drückt, stehen vier Männer vor mir. Ich entscheide mich für einen zwischen dreißig und vierzig. Er ist so groß wie die Frau von eben, wiegt aber schätzungsweise die Hälfte. Ob er mich berühren dürfe, fragt er verschämt. Als ich mit ja antworte, frage ich mich im selben Moment, was passieren würde, wenn ich nein sagen würde. Da ich es aber nicht schaffe, mein “nein” auszusprechen, beginnt der Mann. Er wuschelt in meinen Haaren, nimmt mein Gesicht zwischen die Hände und streichelt meine Arme. Wenn ich meine Augen schließe, fühlt sich das gut an. Als ich sie wieder öffne, sehe ich auf seinen dünnen Armen eine Gänsehaut. „Das war wunderschön“, sagt er, „vielen Dank, dass ich dich berühren durfte.“ Später erfahre ich, dass er Christian heißt, „in der Technikbranche“ arbeitet und oft einsam ist. Er sehne sich nach Berührung, erzählt er, und sei auf Empfehlung einer Freundin hier. Bisher empfinde er den Abend als „sehr angenehm”.

KuschelpartyRaum

Der Raum im TOR 28 in Köln. Hier wird alle zwei Wochen samstags gekuschelt.

Kuschelt drauflos

Nun, sagt Silke, sollen wir uns an den Händen fassen und einen großen Kreis bilden. Ein neues Spiel: Wir zählen der Reihe nach bis vier, um Gruppen zu bilden. Ich stelle mich in die Mitte meiner Gruppenpartner. Silke sagt, ich bin eine Raupe und die anderen sollen mir helfen, mich zu verpuppen. Mit wackeligen Schritten gehen die anderen auf den Matratzen um mich herum, legen ihre Fingerspitzen an meinen Kopf und lassen sie bis zu meinen Füßen wandern. Ich ziehe den Bauch ein und spanne meinen ganzen Körper an. Die anderen legen mich behutsam auf der Matratzenlandschaft ab und fächeln mir Wind zu, weil ich nun laut Silke als verpuppte Raupe an einem Blatt hänge, das im Wind schaukelt. Eine Frau und Christian, der auch in meiner Gruppe ist, bewegen meinen Körper vorsichtig. Der vierte in unserer Gruppe, ein großer Mann mit schulterlangem Haar, packt fester zu. Christian und die Frau heben meine Arme neben meinen Kopf – jetzt bin ich ein Schmetterling. Meine Gruppenpartner malen Muster auf meinem Körper, ich entspanne und schließe die Augen.

Kaum habe ich sie wieder geöffnet, kommt ein neues Signal von Silke: „Nun, ihr Lieben, kuschelt drauflos“. Die Frau neben mir fängt an zu lachen. „RESPECT“ steht auf ihrem Pulli. „Wirklich komisch“, sagt sie. „Plötzlich hat man doch Hemmungen.“ Sie ist auch zum ersten Mal hier, aber forscher. Sie legt sich neben einen Mann. Ich fühle mich unwohl. Christian kniet neben mir und lächelt mich vorsichtig an. Schnell richte ich mich auf und setze mich auf eine gelbe Matratze in der Ecke des Raumes, genannt „Frei-O“. Eine Zone zum Pause machen und beobachten. Silke kommt zu mir und bietet mir an, mich zu Ute, einer erfahrenen Kuschlerin, zu bringen.

Christoph rückt näher und enger an mich heran

Als ich in Löffelchen-Position hinter Ute liege, spüre ich plötzlich mehr als zwei Hände. Hinter Ute taucht ein Mann auf, der mit seinen Fingern meine Augenbrauen nachzeichnet und meinen Nacken streichelt. Silke, die die Szene beobachtet und mich wohl auf einer neuen Kuschelebene eingestuft hat, führt nun einen Mann zu mir. Ich spüre seine Wärme und mache die Augen zu. Als meine Finger von seinen haarigen Armen zu den vereinzelten Haaren auf seinem Kopf gleiten, schließe ich auf Christoph, die Feldmaus. Christoph rückt höher und enger an mich heran, ich kann seinen Schweiß riechen. Er wird forscher, wandert mit den Händen meinen Bauch herunter. Draußen gewittert es jetzt. Ich frage mich, wie spät es ist. Beim fünften Donnern schaffe ich es, mich aus der Situation zu lösen, laut Nein zu sagen – zumindest in meinen Gedanken. Christoph steht daraufhin wortlos auf und geht.

Im Aufenthaltsraum sind die Schalen mit den Gummibärchen und den Chips fast leer, die Gläser stehen kreuz und quer und hier und da sitzen einzelne Teilnehmer zu zweit zusammen. Pärchen, die sich beim Drauflos-Kuscheln gefunden haben. Christian und seine Kuschelpartnerin tauschen ihre Mailadressen aus. Ich gehe in die Umkleide, packe meine Sachen und verabschiede mich von den Herumstehenden. Meine Mailadresse behalte ich heute Abend für mich.


Janina über die Recherche: “Wir justieren ständig die Distanz zu unseren Mitmenschen. Das machen wir unbewusst. Ich bin mir unsicher, ob das bewusst überhaupt möglich ist. Vielleicht ist es deshalb auch so schwer, „Nein“ zu sagen, wenn man bewusst gefragt wird, ob man berührt werden möchte.”

Weitere Artikel:

Bald wird’s eng

Dauercamper1 zugeschnitten

Ein Blick durch die Hecke

AlternativWohnen1Zugeschnitten

Leben mit Gleichgesinnten


>> Geregelte Kontakte

Eingestaubte Beziehungen wieder in Schwung bringen, das war die ursprüngliche Idee der Kuschelparty-Erfinder. Zehn Jahre sind seit der ersten Veranstaltung vergangen. Ein paar Fakten übers organisierte Schmusen.

Alle zwei Wochen, immer Samstagabends, gibt es sie in Köln – dreieinhalb Stunden Nähe für 17 Euro. Dann nämlich treffen sich die Teilnehmer der Kölner Kuschelparty in der Machabäerstraße hinterm Hauptbahnhof. Nur selten bleibt die Teilnehmerzahl unter 50. Das Alter der Kuschelnden liegt zwischen 35 und 60 Jahren. Es sind vor allem Singles, die sich hier zum Austausch von Berührungen treffen.

Köln ist nur ein Beispiel von vielen. In mehr als 30 deutschen Städten werden Kuschelpartys angeboten. Von München über Frankfurt, quer durchs Ruhrgebiet bis in den Osten nach Leipzig und Dresden ist das Angebot an Kuschelabenden groß. Die Urmutter der Bewegung in Deutschland ist Rosi Doebner. Die gelernte Biologin initiierte 2005 die erste deutsche Veranstaltung in Berlin, knapp ein Jahr nachdem der Trend aus den USA nach Deutschland geschwappt war. Der amerikanische Sexualtherapeut Reid Mihalko und seine Partnerin, Beziehungsberaterin Marca Baczynski, hatten 2004 zur ersten „Cuddle Party“ eingeladen, mit der sie Paaren durch bewusstes Kuscheln und Verzicht auf Sex zu größerer Nähe verhelfen wollten.

Von der Idee übrig geblieben ist vor allem der Rahmen, in dem die Partys stattfinden: Das Licht in den Veranstaltungsräumen ist gedimmt, die Atmosphäre gemütlich und die Kleidung bequem. In einem Aufenthaltsraum gibt es meist neben Gummibärchen und Schokolade auch Platz für Gespräche und den Austausch von Mailadressen.

Wer zum ersten Mal einen solchen Kuschelabend besucht, kann sich zuvor auf den Internetpräsenzen der Anbieter informieren. Dort sind neben Erfahrungsberichten auch die Regeln aufgelistet. Die Teilnahmegebühr liegt zwischen 10 und 25 Euro; die Partys finden in der Regel ein- bis zweimal im Monat statt.

Der Ablauf ist immer der gleiche: erst eine Vorstellungsrunde, in der die Teilnehmer ihren Vornamen nennen und Wünsche und Ängste äußern können, dann eine Aufklärung über die Regeln (Sex ist verboten, Küssen und Berühren an Intimstellen auch), Aufwärmspiele und als Krönung: das freie Kuscheln im Liegen auf den Matten.

Die meisten Teilnehmer der Kölner Kuschelparty besuchen sie auch ein zweites und drittes Mal, es gibt zahlreiche Stammgäste und laut Aussage der Leiterin sind pro Kuschelabend bis zu zwei Neulinge dabei – ein messbarer Erfolg.

Rosi Doebner, die Gründerin der deutschen Kuschelbranche, bietet Ausbildungen zum sogenannten Kuschelcoach an. Das dauert drei Tage, findet einmal im Jahr in Berlin statt und kostet pro Teilnehmer rund 300 Euro. Diese Ausbildung ist Kür und nicht Pflicht, denn Kuschelangebote darf jeder machen. Rosi Doebner ist allerdings vorsichtig: „Die Kuschelpartys gelten zwar nicht als Gewerbe, ich sichere mich aber mit einer Berufshaftpflichtversicherung ab.“


KSTA_Logo-Relaunch_Lay12-01 ks-logo-blau_cymk

Facebook
Facebook
Tweet
Google+
http://fastzwei.de/?udt_portfolio=dreieinhalb-stunden-lang-nahe">